Mittwoch, 26. Februar 2014

Atze bei Facebook

„So, dat will ich jetzt auch“, denkt Atze und legt sich ein Profil bei Facebook an in der Hoffnung, dass er sich mit Gleichgesinnten austauschen kann.

Als er es nach Stunden endlich geschafft hatte, sich zu profilieren, bekam er auch gleich schon einige Freundschaftsanfragen von Vereinsmitgliedern seines geliebten Fußballvereins aus dem hohen Norden. Er konnte nun mal nichts dagegen tun, aber sein Herz schlug für den HSV – und das als Ruhrpottler! Nicht nur von ihnen, sondern auch andere warben um seine Freundschaft. Jeder von ihnen ‚teilte‘  selbstverständlich seine Vereinszugehörigkeit mit, postete Fußballwappen, Trikots oder Erfolge seiner Mannschaft, zu der er sich hingezogen fühlte.

Warum nicht, dachte Atze und bunkerte einen nach dem anderen in seiner Freundschaftsliste.
Noch ahnte er nicht, was er sich damit antat.

Es war Freitag, und ein neues Bundesliga-Wochenende begann. Atze war gespannt auf die Spielergebnisse und die Kommentare seiner vermeintlichen „Freunde“. Er hatte sich ein kleines Bierken geöffnet und saß gespannt vor seinem Computer. 

„Wat is dat denn für´n Spasti? Will der mich verdummpiepeln? Da sendet der Vollpfosten mir doch tatsächlich so´nen Smily, bloß weil HSV gerade ma en Tor eingesteckt hat? Na warte…“

Atze spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss und seine Halsschlagadern zu schwellen begannen. Er begann in die Tasten zu hauen und bekam währenddessen einen neuen Post:
„Na Atze, wärsse ma bei unseren Blau-weissen… .“ 

Höhnisch folgte noch ein „Glück auf“!!! Das war zu viel.

Ein kreisrundes Emblem mit einem weissen „S“ auf blauem Hintergrund und einer „04“ darunter, tat sich vor seinen Augen in einer PN auf. „Oleee oleeeoleee oleee, wir sind die Champions oleeee….“

‚Boah, sach ma, wat geht denn jetz ab? ‚`denkt Atze und will gerade was texten, als ihm ein Fan von den Rot-blau-weißen aus dem tiefen Süden, eine Message sendet: „Toooor in BAYERN!!!“ …“wir sind die Champions, oleeeee!“

Gerade will er wieder loslegen, da kommt ein neuer Report von einem gelb-schwarzen Fan: „BVB olee oleee oleee oleeeee……“

‚Oh nee, gez auch noch von de grün-schwarzen, dat halt ich ja nich aus…‘

Das hatte sich Atze anders vorgestellt. Da war ja nur Intrige und Missgunst, Hetzerei und Frötzelei! Nää, dat wollte er nicht mehr und wollte sich ganz diskret aus der globalen Fangemeinde von Facebook zurückziehen.
Er begann, verschiedene Freundschaften zu löschen, weil er deren Stress nicht mehr gewachsen war. So schnell konnte ja kein Mensch tippen,  wie er auf alle Nachrichten antworten sollte. Das war ja schon extremer Stress! Dat muss ein Atze nich haben!

Er löschte und löschte und löschte. Nur sein Account blieb bestehen. Woher sollte Atze auch wissen, dass er auch diesen löschen musste? Jemand vonne Kneipe hatte es ihm erzählt. Atze setzte sich in der Nacht noch an seinen Rechner und rief sein Profil auf. Er suchte vergeblich nach einem „LÖSCHEN“-Button, oder „Profil entfernen“. Stattdessen hatte er weitere Freundschaftsanfragen, so etwa 25, von anderen Fußballnarren, blau-weiss, gelb-schwarz, schwarz-grün, rot-weiss, weiss-rot usw. .

Atze beschloss, fb einfach nicht mehr aufzurufen, stattdessen inne Kneipe umme Ecke sein Bierken zu trinken, wenn sein Verein spielte, ganz leise „Juhuuuuuu“  zu schreien, wenn der HSV mal ein Tor schoss und war doch zu neugierig. Nach Ende der Saison wollte er nochmal nachschauen, was denn in der Zwischenzeit so alles ‚abgegangen‘ war. Er staunte nicht schlecht, dass er mittlerweile 1876 Nachrichten hatte. Neugierig überflog er sie alle und entdeckte eine von „Mirko Slomka“. 

Wirklich!!! Mirko Slomka hatte ihm geschrieben: „ Hee, Du treulose Tomate! Hättest Du mal bei fb mehr für uns gevotet, wären wir Meister geworden!!!“

 Das Ganze natürlich nur mit einer negativen Fraze.
‚Wie jetzt‘, denkt Atze ,‘ dat allet kann facebook?‘

Er schaute verstohlen um sich und aktivierte alles, was ihm auf den Bildschirm kam. Mit gefangen – mit gehangen, dachte er und nahm ab sofort die tückischen Nebensächlichkeiten der Plattform in Kauf. Hauptsache, er verpasste keine PN´s mehr.

Offenbar war er der einzige HSV-ler im Ruhrpott und die Nachricht ‚Slomkas‘ ein Fake……????

Atze verbringt seither jede freie Minute vor seinem Rechner und bei Facebook.

© Christiane Rühmann (Februar 2014)

Sonntag, 9. Februar 2014

Lustiger Irrtum



Als Weihnachtsgeschenk bekamen die Geschäftsleute von ihren bereits erwachsenen Kindern Karten für ein Musical geschenkt. Das Ehepaar freute sich schon jetzt sehr auf dieses Event.

Dieses Musical wurde seit dem Start als so glorreich durch die Medien angepriesen, das es daher bereits Monate zuvor ausverkauft war, und somit keine Chance mehr bestand, für ebenfalls interessierte Freunde, sich an diesem Abend dem Ehepaar anzuschliessen.

Als der Konzertabend nahte, richtete sich das Ehepaar auf einen wunderbaren Abend ein. Es plante vorher ein Candlelight-Dinner und hatte hierzu in der Grossstadt in einem Nobelrestaurant  einen Tisch reserviert. Es sollte ein alles übertreffender, unvergesslicher Abend werden. Und so kam es auch.......

Die Eheleute warfen sich in Robe und starteten rechtzeitig, um relaxt den Abend geniessen zu können, ohne die aus dem Alltag bekannte, zeitweise Hetze. Sie wurden von auffallend elegant gekleidetem Personal empfangen, zu ihrer Niesche begleitet und von vorne bis hinten betüddelt. Dass sie selbst das Essbesteck halten und zum Mund führen mussten, war alles. Der prunkvoll hergerichtete Tisch mit seinen liebevollen Accessoires, hinterliess grossen Eindruck bei der erfahrenen Geschäftsfrau, die selbst auch in ihrem Bekanntenkreis dafür bekannt war, sich als hervorragende Gastgeberin immer etwas Neues einfallen zu lassen und durch ihre gestalterischen Ideen stets den positivsten Eindruck hinterliess.

Auch die Speisen verdienten ausgesprochenes Lob, mehr ging einfach nicht....

Gut gelaunt und frohen Mutes liessen sie sich von einem Taxi zur Musicalhalle fahren. Der Herr beteuerte, dass er ohne Platzanweiser die reservierten Plätze finden würde, schliesslich sei dies ja nicht ihr erster Konzertbesuch. Der Eintrittsabschnitt wurde also von den Platzordnern abgetrennt. Nun dann - auf gings.

Sie verglichen die Zahlen auf den Karten, Block, Sitzreihe und Platz. Als sie ihre Sitzplätze erreichten, waren diese bereits besetzt. Wie konnte das sein...? Sie forderten die Besetzer auf, sich einen anderen Platz zu suchen, dies seien ihre Stühle, die man bereits lange zuvor reserviert habe. Leider wollten diese das nicht einsehen und meinten, ebenfalls reserviert zu haben. Daher verglichen sie mit den fremden Leuten ihre Reservierungsnachweise und stellten fest, dass .... es darf doch nicht wahr sein, .....ihr Termin bereits GESTERN war! Unglaublich, alles stimmte überein - nur das Datum nicht. Mensch, war das peinlich!

Sie fühlten sich von weiterem Publikum, das die kleine Auseinandersetzung mitbekommen hatte, sowie von den Platzhaltern ausgelacht, drehten sich um und verliessen ein wenig verärgert, eiligst den Showroom.

Draussen vor der Halle mussten sie sich erstmal erholen, bis sie dann allerdings über ihr eigenes Missgeschick so fürchterlich lachen mussten, dass sie beschlossen, wo sie doch bereits schon einmal hier waren, noch das Nachtleben in der Stadt zu geniessen.

So wurde es also doch noch ein unvergesslicher Abend......

Es wird heute noch darüber gesprochen - und natürlich gelästert. Es ist eben so: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.....

(c) Christiane Rühmann

Donnerstag, 6. Februar 2014

Nein



Nein, ich bin nicht einsam,
ich habe Freunde.

Nein, ich bin nicht ängstlich,
ich habe Vertrauen.

Nein, ich bin nicht arm,
ich habe jeden Tag zu essen.

Nein, ich bin nicht traurig,
jeder neue Tag ist lustig.

Nein, ich fühle mich nicht schlecht,
ich lass es mir gut gehen.

Nein, ich muss nicht immer „ja“ sagen,
ich bin schon groß.

Nein, ich füge mich nicht Allem,
ich habe das Recht dazu.

Nein, ich habe keinen Grund zur Klage,
vermutlich, weil ich es wage,
auszubrechen aus der Norm!
genau darum bleib e ich in Form!

© Christiane Rühmann (Feb. 2014)

Mittwoch, 29. Januar 2014

Montag, 27. Januar 2014

Einladung zu meinem 60. Geburtstag

Einladung zu meinem 60. Geburtstag

Ich lade zu meinem 60. Geburtstag ein. Dies ist keine öffentliche  facebook-Veranstaltung, sondern nur eine Einladung für Freunde der Literatur und Freunden, die gerne Spaß haben und sich an Gitarren- und Saxophon-Tönen erfreuen können.
Wenn Ihr zu diesen gehört und beabsichtigt, dabei zu sein, dann seid Ihr herzlich willkommen.

Gefeiert wird zum 'Brunch' um 11.00 Uhr in der "Villa Rhodius", Bergische Landstr. 82 A, 51375 Leverkusen-Schlebusch am Samstag, den 15. Februar 2014.

Wenn Ihr teilnehmen möchtet, gebt mir bitte bis zum 31.01.2014 Eure Teilnahme bekannt unter 0151-149 62 457, 02174-625 19 oder via email unter christiane-ruehmann@t-online.de.






Ich freue mich auf Euch !!!

Laßt die Sonne stets auf und nicht untergehen, genießt die schönen Momente im Leben, erfreut Euch an schönen Dingen und bemerkt, welche "schönen Spuren'" das Lebensmeer in Eurem Leben hinterlässt !!!

Donnerstag, 2. Januar 2014

Dachbodengestöber




Eine große Trinkwassertalsperre sollte es werden, die den gesamten Kreis mit ihrem reinen Wasser versorgen sollte.
Bereits vor Jahren wurde dies beschlossen, doch ließen sich die dort seit  Jahrzehnten oder sogar seit Jahrhunderten mit ihren generationsübergreifend ansässigen Bewohnern, die hier zum größten Teil ihre Landwirtschafts- und Obstbaubetriebe bewirtschafteten, nicht so ganz kampflos aus ihrer gewohnten Umgebung vertreiben. Manche allerdings nahmen widerstandslos und bereitwillig die ihnen wegen der Umsiedlung angebotene Abfindung entgegen, bauten sich anderswo eine neue Existenz auf. Überwiegend waren es jüngere Familien, die diesen Schritt wählten. Die älteren Siedler hingegen, weigerten sich kämpferisch, ihren gewohnten Lebensraum zu verlassen.
Auf einer Bürgerversammlung im Dorfkrug, der sich dort noch befand, wo später die Sperrmauer gebaut werden sollte, traf man sich, um nochmals mit den Abgeordneten des Landes über die Umsiedlung zu verhandeln. Protestantisch nahmen die hartnäckigen Ortsbewohner an dieser Zusammenkunft teil und erreichten zu guter Letzt, dass die Regierung die angebotene Abfindung pro Familie noch um einige tausend Mark erhöhte. Insgeheim hatten, selbst von den alt eingesessenen Anwohnern, manche genau darauf spekuliert. Was sollte man denn schließlich auch noch hier? Die Jugend hatte es längst verschlagen. Nicht einmal mehr einen Doktor gab es in ihrem Dorf. Also, warum nicht auch weg von hier? Das angebotene Geld würde für den Lebensabend sicher ausreichen.
Nach sich über Jahre hinweg ziehenden Verhandlungen, wurde das Land nun endlich Sieger – oder hatten doch die Anwohner gesiegt?
Egal. In den kommenden Monaten hatten die Möbelspediteure aus den näher gelegenen Städten einiges zu tun. Transport für Transport wurden Hab und Gut in ein neues Leben befördert. Am unteren Ende des Tales hatte man derweil damit begonnen, Wälder zu roden und vereinzelte Gehöfte dem Erdboden gleich zu machen. Andere Gebiete wollte man nur fluten.
Aus unbeteiligter Sicht betrachtet, sah man hier den Beginn eines neuen Zeitalters.
Bevor Schmitzens ihr geliebtes Gehöft verließen, verkauften sie noch durchaus brauchbare Wertegenstände, wie z.B. den alten Traktor, den Mähdrescher oder den Gülletank-Anhänger. Von diesen Erlösen wollten sie sich neue Möbel leisten. Sie wollten ihren Lebensabend genießen, das hatten sie sich vorgenommen. Den Kindern und Enkeln war das nur recht, sie liebten ihre Eltern und Großeltern, begrüßten, dass sie sich endlich der Neuzeit beugten.
Katja, Schmitzens Enkelin, hatte Kunst studiert und arbeitete zur Zeit bei einem Restaurateur. Nebenher betrieb sie mit ihrer besten Freundin Rike einen kleinen Trödelladen in der nächsten Kleinstadt, der recht gut florierte. Nun kam ihnen der Gedanke, sich vor der Flutung, in der „Geisterstadt“  ganz ungezwungen auf den Dachböden der noch verbliebenen Häuser umzuschauen, um nach Raritäten zu suchen.
Um nicht als Plünderer da zu stehen, holten sie sich von Schmitzens und den übrigen Ex-Bewohnern die Erlaubnis hierzu ein. Alle kannten Katja – schließlich war sie ebenfalls hier aufgewachsen und jeder mochte das aufgeschlossene lustige Mädchen, mit seinen Sommersprossen und geflochtenen Haaren, das zu einer stattlichen Frau geworden war.
Daher gab es keinen Grund, ihrem Begehren nicht zuzustimmen, etwa zu untersagen, sich in den alten Gemäuern umzuschauen. Hier gab es ja eh nur noch alten Krempel, meinten sie.
Katja und Rike sahen das anders. Sie hatten sogar eine Idee, die sie sich aber nochmal genauer durch den Kopf gehen lassen wollten.
Am Wochenende hatten die beiden verabredet, sich in Katjas Jugenddorf umzuschauen. Sie fuhren gemeinsam mit dem Pick-up des Restaurators am frühen Morgen los. Es war schon etwas gespenstisch, alles hier so verlassen und ohne Leben vorzufinden, aber es hatte auch einen Hauch von Abenteuer. Sie betraten das Haus der Schmitzens. Es befanden sich kaum noch Möbel hier. Die meisten waren auf dem Sperrmüll gelandet oder waren mit umgezogen worden. Nur noch wenige Stücke, die als alt und wertlos galten, konnte man vereinzelt in den ansonsten leeren Räumen finden.
„Schau mal hier, die alte Kommode, ist sie nicht wunderschön? Die muss ja schon mindestens hundertfünfzig  Jahre alt sein. Mal schauen, ob die Schubladen leer sind.“ Rike öffnete eine Lade nach der anderen. Sie waren inhaltslos. Katja machte sich auf den Weg, über knarrende Dielen, zur Dachbodentreppe, um diese nach oben zu steigen. Vorsichtig öffnete sie die Luke, und blinzelte durch den schmalen Spalt auf den staubigen Dachboden. Als Kind war sie oft hier oben gewesen, hatte gespielt, mit ihren Puppen, oder hatte sich verkleidet mit den alten Kleidern, die sie in der Truhe der Großmutter gefunden hatte. Sie schulterte den Lukendeckel und öffnete ihn ganz.
„Rike, komm mal schnell!“
„Wo bist Du?“
„Hier oben, auf dem Dachboden.“
Rike stapfte nun ebenfalls die Stufen empor. Sie kannte solche Dachböden nicht, war in der Stadt aufgewachsen und kannte nur Kellerverschläge.
„Wow“, staunte sie: „Ist das toll hier“.
Sie öffneten die verstaubten Dachfenster und entfernten die dunklen Gardinen vor den Gaubenfenstern, schlugen die Fensterflügel auf und atmeten zunächst einmal gründlich durch.
„Schau Dir mal die Aussicht an, Rike. Von hier oben habe ich oft Papierschwalben fliegen lassen oder mit Kirschkernen gespuckt. Wenn ich traurig war, habe ich mich hier auch heimlich versteckt und geweint. Irgendwo muss hier doch die alte Truhe stehen, in die Oma alles alte Krams gepackt hat.“
Sie schauten sich um. Da stand sie ja. Puuhh, war die verstaubt. Behutsam öffneten sie gemeinsam den gewölbten Deckel, der mit unglaublich schönen Scharnieren verziert war. „Katja, allein die Truhe ist ein Schätzchen!“
Rike war begeistert. Ihr Inhalt sollte beide Frauen noch mehr begeistern.
Obenauf befanden sich wunderschöne alte Rüschenblusen. Hah, da war ja das alte Schnürkorsett, in dem Tanjas Urgroßmutter bereits gesteckt hatte. Hierüber gab es sogar ein Foto, schwarz-weiß und mit vernebelten Rändern. Unter weiteren Kleidungsstücken befand sich ein mit rotem Seidenband geschnürtes Päckchen.
„Schau mal, das sieht aus, wie Briefe.“
Tanja öffnete die Schleife und einen der Umschläge.
„Liebesbriefe……!“
Sie lächelte, als sie die Zeilen überflog.
„Die sind von meinem Großvater – aus dem Krieg, an meine Oma. Wie süüüüüsss…, sie hat sie alle aufbewahrt.“
Die jungen Frauen stöberten weiter und entdeckten ein Schätzchen nach dem anderen. Je mehr sie fanden, umso entschlossener waren sie, ihre gemeinsame Idee umzusetzen. Ja, das wollten sie tun.
Allein in diesem Haus gab es noch Etliches zu entdecken, wie mochte es wohl in den anderen Häusern des zukünftigen ‚Atlantis‘ aussehen? Alles an einem Tag zu besichtigen, schafften sie sowieso nicht. Das würde ein längeres Unternehmen werden, aber auch ein spannendes und hoffentlich erfolgreiches.
Am Abend fuhren sie mit einem bereits vollgeladenen Transporter zurück in die Stadt. Das mitgebrachte Gerümpel luden sie in der alten Bücherei ab. Diese war ins Rathaus umgezogen. Sie brauchten für die Räumlichkeiten vorübergehend noch nicht einmal Miete zu zahlen.
In den kommenden Wochen arbeiteten beide von morgens bis abends an der Umsetzung ihrer Idee. Nur wenige Freunde waren eingeweiht und informiert, was ihre Planung anbelangte. Tanjas Chef, der Restaurateur,  unterstützte sie ebenfalls, so gut er konnte. Nun wurde es langsam Zeit, sich um die Briefe zu kümmern. Briefe?
„Tanja, hast Du die Einladungen schon gedruckt? Wir müssen sie allmählich verschicken.“
 „Ja, sie sind fertig und müssen nur noch mit den Anschriften versehen werden“. 
Die Anschriften aller ehemaligen „Geisterdorf-Bewohner“, hatten sie mit Hilfe des Einwohnermeldeamtes oder Verwandter und Bekannter in Erfahrung gebracht. Sie sollten alle nochmal wieder, so wie früher im alten Dorfkrug, zusammen finden und einen Ort haben, an dem sich ihre Erinnerungen geballt aufhielten und gegenwärtig waren.
Tanja und Rike hatten aus den alten Bücherei-Räumen ein Museum gemacht -  ein Heimatmuseum.  
Es war wunderschön geworden. Mit viel Sachkenntnis und Liebe zum Detail platzierten sie alle Überbleibsel in den vier ihnen zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten. Den Segen des Bürgermeisters und der Gemeindeverwaltung hatten sie. Diese waren sogar von der Idee begeistert.
Es gab einen Raum, in dem landwirtschaftliche Hilfsgüter zu finden waren, wie etwa Dreschflegel, eine Rüben- und Runkel-Schnipsel-Maschine, Sensen, Sicheln, Holz-Schubkarren und Ähnliches.
Im zweiten Raum befanden sich Dinge rund um die Küche, wie alte Kohleherde, Koch- und Essgeschirr, von Hand zu drehende Kaffeemühlen, gehäkelte Topflappen in sämtlichen Mustern, Holzlöffel, Schöpfkellen usw., aufgelockert durch altmodische Küchenschränke mit ihren Brotfächern und mit Gardinchen behangenen Schranktüren.
Selbst große Wäschebottiche, deren Wasser von unten noch mit Holzfeuer oder Briketts auf Kochtemperatur gebracht werden mussten, waren hier aufgestellt. Waschbretter und Wäschezangen gehörten ebenso dazu.
Viele Requisiten waren noch handgefertigt, gezimmert, geschustert, verziert, graviert oder Sonstiges und trugen noch die Initialen ihrer Schöpfer.
Im nächsten Zimmer konnte man Kleidungsstücke bewundern. Tanja und Rike hatten sich von einer Bekleidungsfirma zu diesem Zweck Schaufensterpuppen sponsern lassen, denen sie die alten Reif-Röcke , Rüschenblusen, Küchenschürzen, Petticoats, selbst gestrickte Skipullover und Socken anzogen. In einem alten Ohrensessel hatten sie einer Puppe ein Rüschenkopftuch aufgezogen, ihr eine runde Brille auf die Nase gesetzt, sie mit Omas Kleidung angezogen und ihr noch ein paar Stricknadeln und Wolle in die Hände gegeben. Sie sah wie eine richtig echte Omi aus. Ihre Füße steckten in wulstigen karierten Filzpantoffeln und ruhten auf einer Fußbank. Daneben stand ein Weidenkorb, in dem sich lauter Wollknäuel, Strick- und Häkelnadeln  befanden. Auf einem winzigen Holztischchen, auf einem selbst gehäkelten runden Tischdeckchen stand ein Kerzenständer, der die wohlige Atmosphäre symbolisieren sollte und wohl auch ursprünglich als Lichtspender gedient hatte.  Irgendwie fühlten sie sich in ein anderes Jahrhundert versetzt. Perfekt ! …..
Jetzt nur noch die Gallerie. Tanja und Rike hatten die alten, noch nicht eingerahmten Fotos liebevoll in Holzrahmen gelegt und diese dann versetzt, einige mit Kommentaren versehen, an die Wände in dem letzten Zimmer angebracht. Sie hatten darauf geachtet, diese möglichst nach Familien, Jahrgängen und Ereignissen zu sortieren. Alte Bücher, Zeitungen, viele alte Briefe, auch die von ihren Großeltern, wurden in Glasvitrinen untergebracht und mit Samttüchern unterlegt. Die Schriften der Briefe konnte man wohl sehen, nicht aber die unterzeichnenden Namen. Die hatten sie überlappt und durch einen nächsten Brief abgedeckt. Richtig chic war er geworden, der Raum. Spotleuchten bescherten  den Sehenswürdigkeiten das entsprechende Ambiente. Ach was – das ganze Dorfmuseum war einfach der Hit!
Nächste Woche sollte die Eröffnung sein und sie waren mächtig gespannt, ob alle kommen würden. Ihr Vorhaben hatten sie sogar überregional in den Zeitungen ankündigen lassen. Einige Leute hatten bereits ihr Erscheinen angekündigt. Sie gingen nochmals Raum für Raum durch und veränderten die eine oder andere Dekoration, bis sie der Meinung waren, dass jedes Detail stimmte. Sogar der Bürgermeister hatte den beiden Frauen zu ihrer hervorragenden Arbeit gratuliert und ihnen zugesagt, die Eröffnungsrede zu halten. Gemeinderat und Presse waren ebenfalls eingeladen.
Nun war es soweit. Samstag, 15.00 Uhr. Ein mächtiges Buffet mit Fingerfood, war die Spende des örtlichen Partyservices, der auch die zahlreichen Gläser für die Getränke zur Verfügung gestellt hatte. Nur um die Getränke hatten sich Tanja und Rike selbst zu kümmern.
Über dem Eingangsbereich hing ein selbst angefertigtes Schild. Darauf stand in nostalgischen Buchstaben zu lesen „Dorfmuseum Diereshausen“. Darunter befand sich seitlich ein altes Pult mit einem in Leder gebundenem Gästebuch. Hier konnten sich alle Besucher eintragen. Die beiden hatten einfach an alles gedacht.
Da kamen sie endlich – und wie sie kamen! Drei Reisebusse und etliche PKW rollten vor. Jemand hatte es so organisiert und die Alten reihum abgeholt. Natürlich gab es auch viele Besucher aus der Umgebung, die sich für das neue Museum interessierten.
Wow, damit hatten Tanja und Rike nicht gerechnet, aber sie waren natürlich begeistert, genau, wie die Besucher, die die liebevoll hergerichteten Räume bewunderten und sich oder vielmehr ihre Vergangenheit darin wieder fanden. Sie tuschelten, steckten die Köpfe zusammen, stießen sich gegenseitig an, kicherten und redeten sinnend:
„Weißt Du noch..?“
 Oder: „Guck mal, das war doch unser…., da bist Du ja, oder: Ist das nicht Deine Schrift?……“
Opa Schmitz nahm seine Enkelin stolz in den Arm:
„Tanja, wir alle hier danken Euch von ganzem Herzen. Jetzt haben wir, dank Euch beiden, einen Ort der Vergangenheit, der trotzdem weiter lebt. Ihr seid großartig. Eine ganz tolle Idee von Euch…!“
In der kommenden Woche erreichte Tanja ein Brief ihres Großvaters. Sie öffnete ihn und zog einen großzügigen Scheck in sechsstelliger Höhe heraus – für ihren und Rikes Laden – und das Museum – als Unterhaltungshilfe, sozusagen. Alle ehemaligen Bewohner von Diereshausen hatten zusammen gelegt und so ergab sich diese stattliche Summe.
Geballt bedankten sie sich, obwohl sie sich längst im Gästebuch verewigt hatten, nochmals namentlich aufgeführt,  und gaben ihrer Begeisterung wiederholt Ausdruck für die gelungene Idee und die Freude, die die beiden Frauen ihnen damit gemacht hatten.
So lebt das Dorf weiter, auch wenn es mittlerweile überflutet ist.
© Christiane Rühmann

Samstag, 30. November 2013

Manchmal ist es von Vorteil wenn..


Was für ein Tag: Positiver Stress, ausgezeichnetes Wetter, ein nettes Date vor Augen, aber zuvor noch die Fellnasen meiner Tochter Gassi führen – und schon beginnt der echte Stress.

Nachdem ich meine Laptops eingepackt und meinen Schreibtisch aufgeräumt habe, ziehe ich meine Jacke an und verlasse bestens gelaunt mein Büro. Ich schließe die Fahrertüre meines treuen Freundes HONDI auf und stelle die Taschen auf den Beifahrersitz. Jetzt nur noch starten und dann kann es losgehen. Mist, habe ich ordnungsgemäß abgeschlossen und das Magnet auf ‚abwesend‘ geklatscht? Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Das ist wichtig, denn der Letzte, der das Gebäude verlässt, muss die Villa abschließen, um die Alarmanlage scharf zu schalten. Ich muss nochmal rein, das muss ich klären.

Alles war in Ordnung. Oh Mann, jetzt schießt es mir aber doch auf die Zeit. Also los, Fenster einen Spalt öffnen und erst mal eine Zigarette anzünden. Hoffentlich ist unterwegs nicht zu viel Verkehr und die Baustellenampeln mal endlich synchron geschaltet.

„Tut mir leid Kleiner, aber Du musst jetzt einen Zahn zulegen, damit ich rechtzeitig zu meiner Verabredung komme“, spreche ich zu meinem treuen Lebensgefährten.
Ich habe da so meine kleinen Tricks, um HONDI bei Laune zu halten. Am Wichtigsten sind die Gespräche, die ich mit ihm führe, z.B.: „Was denkst Du, schaffen wir die orange Ampel noch? Oder, heute haben wir Zeit, komm, wir machen einen kleinen Abstecher. Oder, schaffst Du zum Überholen auch mal kurzfristig 130?“ Dabei streichle ich ihm dann liebevoll über die Kontur seines signifikant geprägten  Lenkrades. Das liebt er. Genauso signalisiert er mir, wenn er Bedürfnisse hat. So beginnt er zu knurren, wenn er  Appetit auf eine ölige Mahlzeit hat oder lässt seine Nadel schlapp nach unten fallen, um zu sagen: ‚Du, ich schaffe die Strecke nicht, ich habe Durst.‘ Oft halte ich ihn auch mit ein wenig ‚Lenkradpetting‘ bei Laune, das hat er besonders gerne. Ich kraule ihn dann unter der Lenkung und streichle ein wenig die Armatur. Das ist der Moment, wo ich mir stets einbilde, dass er getunt ist und mindestens 15 PS mehr leistet, echt!!! Wir sind halt ein Herz und eine Seele.

Jetzt klingelt mein Handy. Mist, ausgerechnet jetzt. Ich habe in der Eile vergessen, die Freisprechanlage einzuschalten. Ich fingere nach dem Mobilteil in meiner Jackentasche und nehme das Gespräch an. Es ist ein völlig unwichtiges und überflüssiges Telefonat.

Na bitte, was sag ich?! Da stehen die Flachpfosten schon, durch ein Gebüsch getarnt und warten auf so Schwachmaten wie mich, um sie abzuzocken! Als ob sie nie mal eine kleine Gesetzüberschreitung begehen! Ich versuche noch, das Handy fallen zu lassen. Zu spät. Durch den Blick in die Rückspiegel habe ich sofort gemerkt, dass auch sie meinen ‚Fehltritt‘ bemerkt, ja vermutlich darauf gewartet  hatten. Sie folgten mir, blinkten mich an und forderten mich durch ein Lichtband auf, rechts ranzufahren. Bereitwillig signalisierte ich ihnen, dass ich ihrer freundlichen Aufforderung nachkommen würde, sobald sich eine Gelegenheit bieten würde.

Auf dem Parkstreifen, den ich angesteuert hatte, blieb ich im Fahrzeug sitzen und drehte sofort die Scheibe nach unten. Ein Beamter trat an mein Fahrzeug, stellte sich vor und forderte mich auf, die Fahrzeugpapiere auszuhändigen, die ich zunächst mal suchen musste. Er wunderte sich, als er sah, wo ich sie her kramte. Mal ehrlich, kann ich doch nichts für, wenn er stets ein Täschchen bei sich trägt, ich tue es jedenfalls nicht. Eine weibliche Beamtin inspizierte mein Fahrzeug von außen genauestens, kontrollierte das TÜV-Siegel, begutachtete das Profil aller 4 Räder und fragte nach einem Warndreieck und dem Verbandskasten. Dazu musste ich aussteigen, um es ihr im Kofferraum zu zeigen. Ich musste breit grinsen, als ich die Heckklappe öffnete, denn ich besaß von jedem Teil zwei Exemplare! Sie wollte wissen, warum das so ist und ich fragte im Gegenzug, ob das für sie von Bedeutung sei, was sie Zähne knirschend verneinte.

Der Beamte kam dann endlich auf den Punkt:
„Wir haben gesehen, dass Sie während der Fahrt telefoniert haben. Was sagen Sie dazu?“

„Sie müssen sich irren, ich habe eine Freisprechanlage, schauen Sie her“.

Ich hatte sie, als ich den Streifenwagen bemerkte, natürlich sofort eingeschaltet. Wenn ich das tue, leuchtet in kurzen Abständen ein blaues Signallicht, was mich erkennen lässt, dass meine Mobilphone via Bluetooth mit der Freisprechanlage verbunden sind.

„Wir haben aber gesehen, dass Sie ein Handy am Ohr hielten, während Sie uns passiert haben. Wie erklären Sie sich das?“

„Das kann ich mir nicht erklären und ich behaupte nochmal, dass Sie sich irren.“ Ich faßte einen waghalsigen Plan.

„Dann haben Sie ja sicher nichts dagegen, dass wir einen Blick in Ihr Handy werfen, um festzustellen, ob wir Recht haben?“ 

Er bäumte sich ein wenig auf. Aber das konnte ich auch. Ich atmete tief ein und erlaubte mir die Bemerkung, dass das für mich an ‚Hausfriedensbruch‘ grenzen würde –schmunzelnd natürlich. In der Regel gewinne ich damit, aber diesmal gelang mir das nicht. Ich war mir natürlich meiner Sache sehr sicher und frötzelte weiter:
„Sind Sie überhaupt dazu berechtigt? Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“

„Wenn Sie uns beweisen wollen, dass Sie nicht telefoniert haben, sollten Sie uns Ihr Handy aushändigen. Wenn Sie es nicht tun, werden wir die Sache ahnden.“

„Wieso“, wollte ich wissen, „der Beklagte ist doch nach dem Gesetz so lange unschuldig, bis ihm eine Schuld nachgewiesen wird, oder?“

Uuups Chris, jetzt halte mal langsam den Ball flach, ermahnte ich mich selbst.

„Also, zeigen Sie uns nun Ihr Handy?“ Seine Stimme wurde strenger.

„Nun gut, bitteschön.“

Ich fingerte erneut in meiner Jackentasche nach dem Mobilteil. Hoffentlich ziehe ich jetzt nicht das falsche heraus. Ich besitze nämlich zwei Stück – ein Diensthandy und ein privates. Aber wer weiß das schon? Sie unterscheiden sich deutlich tastbar von der Oberfläche ihres Gehäuses, so war auch das für mich kein Problem. Ich zog das Diensthandy, ein IPhone heraus und übergab es dem Beamten.

„Bitteschön, soll ich den Freigabecode schnell eingeben?“

„Ja, das wäre sehr hilfreich“, entgegnete der Beamte und begann sofort damit, in dem Handy zu wuseln. Offensichtlich kannte er sich sehr gut damit aus. Hoffentlich klingelt jetzt nicht das andere, dachte ich und bekam langsam Schweißperlen auf die Stirn. Mit dem Diensthandy hatte ich seit über einer Stunde weder telefoniert, noch ge-WhatsAppt oder ge-Vibert. Als er sämtliche Varianten ausspioniert hatte, lächelte er und meinte:
„Nochmal Schwein gehabt, ich kann wirklich nichts finden, was auf die Benutzung des Handys hinweist.“

„Sag ich doch!“ Ich wurde wieder kesser.

Er reichte es mir zurück, warnte mich aber dennoch vor der Benutzung während der Fahrt und wünschte mir eine gute Weiterreise.

Ich stieg zurück in meinen HONDI, kraulte ihn wiederholt unter dem Lenkrad, diesmal noch liebevoller als zuvor, schmunzelte und setzte meine Fahrt fort. Nach kaum 100 Metern klingelte erneut mein privates Smartphone… Aber ich habe ja eine Freisprechanlage – wer wird mir da schon was anhaben können?


© Christiane Rühmann