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Donnerstag, 20. Juni 2013

Angst

Es gibt viele Situationen, in und vor denen ein Mensch Angst hat.
Ich habe keine Angst – vor Nichts!!!! Außer vor Gewitter – Unwetter!
Ich muss so etwa 1 ½ bis 2 Jahre gewesen sein, allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, als ich in unserer Stube auf dem damaligen sogenannten ‚Töpfchen` gesessen haben soll, als mich bei einem Gewitter ein Kugelblitz von meinem Thron auf die Seite geworfen haben soll.
Das weiß ich aus Erzählungen meiner Eltern, die sich meine spätere ‚Angst‘ vor einem Unwetter und einem Gewitter nur so erklären konnten. Wie gesagt, SIE konnten es sich erklären, ich allerdings nicht.
 Nach langen Jahren wurde meine diesbezügliche Angst in einer Gesprächsrunde zum Thema.
Ich erinnerte mich plötzlich an die versengte Fläche in der Fußleiste, die mein Vater seinerzeit noch selbst angefertigt hatte. Damals konnte man aus finanziellen Gründen nicht einfach etwas austauschen, so wie z. B. diese Fußleiste. Immerhin war mein Vater 83 % Kriegsversehrt und arbeitete wegen seiner Behinderung nur halbe Tage. Trotzdem hatte er es unserer Familie ermöglicht, ein Eigenheim zu haben, welches er aus eigener Kraft und mit geringer Hilfe von seiner belgischen Verwandtschaft, erbaut hatte.  Immerhin wuchs seine Familie, denn ich war das letzte Kind von Fünfen und bin in dem gerade fertig gestellten Haus geboren.
Wir alle genossen eine wunderschöne und unbeschwerte Kindheit. Es gab noch nicht dieses Konsumverhalten von heute. Wir besaßen noch lange Zeit kein Telefon, kein TV.
Ich erinnere mich daran, dass es ein Telefon in der Nachbarschaft gab. Das Haus der „Reichen“ war etwa 300 m entfernt. Ich nenne es das Haus der „Reichen“, weil sie immerhin ein Telefon besaßen.
Damals war es üblich, dass Anrufe, die jemanden erreichen sollten, an einen Nachbarn gelangten, der ein Telefon besaß. Dieser lief dann zum Angerufenen und teilte mit, dass in 5 Minuten ein Folgeanruf kommen würde, der für ihn bestimmt war.  Das finde ich heute lustig – heute, weil es für unsere Nachkommen nicht mehr nachvollziehbar ist, dass es damals weder Handy oder Internet noch Telefon überhaupt gab. Man muss sich mal vor Augen führen, dass das auch funktionierte, wenn unsere Wege und Nebenstraßen verschneit und verweht waren. In unserer Straße kann ich mich noch an Schneewehen von etwa 1,20 bis 1,80 Metern erinnern, über die ich später noch zur Schule gegangen, bzw. gerutscht bin.
Schulranzen waren unsere Schlitten. Dementsprechend sahen sie dann auch aus, wenn der Schnee schon etwas verharscht war. Es gab noch keine Thermo- oder Funktions-Bekleidung. Unser Outfit waren selbst gestrickte Norweger-Pullover. Wenn man etwas Geld übrig hatte, wurden sie von innen gefüttert, ansonsten musste man beim Anziehen darauf achten, dass man sich mit den Fingern nicht in die innen liegenden Maschen verhedderte. Anoraks kannte man kaum oder konnte sie sich nicht leisten. Unter den Strickpullovern trug man Thermowäsche, die es damals bereits schon gab. Allerdings war sie meist Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk, weil sie –im Gegensatz zu heute- sehr teuer war. Darüber trug man  einen Rolli und möglichst noch einen 2 m-Schal, der ebenfalls natürlich selbst gestrickt war. Selbst die Socken waren von Hand gefertigt und sind heute wieder sehr begehrte Objekte. Sie entsprechen nicht der Wegwerfgesellschaft von heute.
Ich erinnere mich an ein weiteres Gewitter. Ich war mit dem Fahrrad zu meiner Freundin unterwegs, die 8 km entfernt wohnte.
Der Himmel verdunkelte sich, während ich mich abstrampelte. Es begann erst leicht und dann heftiger zu regnen, bis ein kräftiges Gewitter aufzog. Blitze zuckten um mich herum, laute Donner machten mir mächtig Angst. Ich lenkte mein Fahrrad –ich war mittlerweile vollkommen durchnässt- geschockt von der Fahrbahn in den Graben. Ich stürzte unsanft und zog mir dabei deftige Blessuren zu.
Als ich dort im Graben lag, schlug ich die Arme um meinen Kopf. Das Rad lag neben mir und nichts auf der Welt hätte mich bewegen können, aufzustehen und weiter zu radeln. Ich erinnere mich, ich war atemlos, wagte nicht, mich zu bewegen. Negative Erinnerungen weiteten sich in mir aus – ich konnte sie nur nicht definieren. Zusammengekauert wartete ich auf das Ende dieser grauenvollen Phase.
Endlich, nach gefühlten 3 Stunden, ließ das Unwetter nach. Ein Autofahrer hatte angehalten, als er mich im Graben liegen sah und sich erkundigt, ob alles in Ordnung sei. Das ist mir noch im Gedächtnis verblieben.
Schmutzig, durchnässt und ängstlich, setzte ich meinen Weg fort, als kein Donner mehr zu vernehmen war. Nur wenige hundert Meter hatten mich von dem zu Hause meiner Freundin getrennt. Für mich schien es jedoch in dem Moment des Gewitters unerreichbar.
Es geht mir heute noch so: Wenn andere Menschen sich ans Fenster oder auf den Balkon stellen, um dem Wettertreiben fasziniert zuzuschauen, werde ich klein und kleiner, so, dass ich unter dem Teppich Roller fahren könnte. Ich beginne zu zittern und zu schwitzen. In dem Fall nützt auch keine starke Schulter etwas, sie könnte ja getroffen werden…
Ich hatte bereits Maßnahmen ergriffen, um meine Angst zu bewältigen, was mir nicht gelungen ist: Die Angst bewältigt MICH…

© Christiane Rühmann

Sonntag, 13. November 2011

Nach dem Fest

Nach dem Fest....
„Papa, wann haben endlich wieder die Geschäfte offen?“

„Wieso willst Du das wissen? Wir haben doch alles, was wir brauchen hier. Heute ist Samstag und am Montag öffnen die Läden erst wieder.“

„Mann, das dauert ja noch ewig! Hast Du den Bon, oder hat Oma ihn?“

„Welchen Bon?“

„Na den, von dem bescheuerten Nintendo-Spiel. Oma glaubt wohl, dass wir noch in der Steinzeit leben. Das hat doch kein Mensch mehr…“

„Nanana, nun tu ihr aber nicht Unrecht. Sie hat es doch nur gut gemeint.“

„Und was soll ich denn noch mit einer Barbie-Puppe, in meinem Alter. Die peilt voll gar nichts mehr.“

„Jajaja, ist ja schon gut, am Montag fahren wir in die Stadt und tauschen die Sachen um. Aber erzähl Oma nichts davon, sonst ist sie beleidigt.“

„Genau das ist der springende Punkt. Wenn einer mal vernünftig mit Oma reden würde, wäre das Problem für nächstes Weihnachten aus dem Weg geräumt. Ich werde es ihr sagen.“

Beverly war fest entschlossen, ihrer Oma klar zu machen, dass sie mit ihren 12 Jahren nicht mehr mit Barbie-Puppen spielt und Nintendo geht auch gar nicht mehr. Viel lieber wäre ihr der MP3-Player gewesen, den ihre Freundin Lynn schon längst besass. Und Barbie….. also nee, das lief nicht. War Oma denn nicht aufgefallen, dass sie schon fast erwachsen war?

Bev wirkte in der Tat um locker mal zwei Jahre älter, als sie war. Sie achtete darauf, immer stylisch und trendy zu sein, na eben so halt, wie es Teenager heutzutage sind. Und das musste sie ihrer Oma beibringen, wenn auch - wunschgemäss – schonend. Oma wollte doch am Sonntag nochmal vorbeikommen, und dann würde sie mit ihr reden.

Pünktlich zum Kaffee erschien Oma Rieke. Bev´s Mum hatte, wie immer, den Tisch liebevoll gedeckt und einen Kuchen gebacken. Papa hatte den Kamin angefacht, um es für alle gemütlich zu machen. Während sie nun ihren Kuchen und Kaffee genossen, merkte Oma Rieke, dass Bev etwas bedrückte.

„Was ist los, Beverly? Bist Du krank?“

„Nein Oma, das ist es nicht. Ich müsste mal mit Dir reden, aber Du darfst nicht traurig oder böse sein.“

Bev´s Eltern zogen die Stirnen in Falten.

„Also, raus mit der Sprache. Was bedrückt Dich, Kind?“

„Oma, Du fährst doch einen grossen Wagen, Du weisst schon, einen der Teuersten, mit dem Stern“.

„Ja, das stimmt.“

„Was hättest Du gemacht, wenn Du ein Auto geschenkt bekommen hättest, was mindestens vier Preisklassen unter dem Wert Deines jetzigen Fahrzeugs gewesen wäre?“

Oma überlegte kurz und antwortete:
„Vermutlich hätte ich es eingetauscht gegen das, was ich immer schon mal haben wollte, nämlich so eins, wie ich es jetzt besitze. Aber auf was willst Du hinaus?“

„Schau mal, ich bin doch jetzt kein kleines Kind mehr und ich habe mich auch wirklich über Deine Geschenke zu Weihnachten gefreut, nur scheint an Dir vorüber gegangen zu sein, dass ich fast erwachsen bin und nicht mehr mit Puppen spiele. Und technisch scheinst Du auch nicht mehr auf dem Laufenden zu sein. Man spielt heute nicht mehr dieses Nintendo. Hättest Du mich gefragt, wäre ich zu gerne mit Dir gemeinsam shoppen gegangen. Oder denkst Du etwa, dass ich noch an den Weihnachtsmann glaube?“

Rieke war ein wenig erstaunt und dachte eine Weile nach, bis sie schliesslich meinte:
„Also, wenn ich Dich recht verstehe, waren meine Geschenke für Dich vollkommen falsch gewählt? Und nun möchtest Du, dass Du sie umtauschen kannst gegen etwas anderes? Ich habe verstanden!“

Sie machte eine kleine Pause, kräuselte die Stirn, holte tief Luft und lächelte.

„Hmm, lass mal nachdenken. Wie wäre es denn mit morgen Vormittag? Du hast doch noch Ferien. Die Kassenbelege habe ich noch in der Tasche. Soll ich Dich gegen 11.00 Uhr abholen zum ‚Umtauschbummel‘? Dann können wir ja anschliessend beim Italiener noch eine Pizza essen gehen. Ist das o.k.? Dabei kannst Du mir ja dann etwas mehr über Eure Jugendtrends berichten. Schliesslich bin ich ja noch lernfähig.“

Beverly jubelte, sprang so hastig auf, dass der Stuhl hinter ihr umkippte, fiel ihrer Oma um den Hals und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange.

Die Eltern lächelten, und atmeten erleichtert auf.

„Danke Oma, Du bist die Beste!“

Wie verabredet, stand Oma Rieke am Montag gegen 11.00 Uhr mit ihrem Superfahrzeug vor der Tür und holte Bev ab. Nachdem sie all ihre Erledigungen getätigt hatten, setzten sie sich gemütlich in eine Pizzeria und schlemmten, bis sie fast platzten. Bev schwärmte Oma Rieke vor, was heute so im Trend liegt. Ausgefallen und stylisch schräg musste alles sein.

Sie kamen sich an diesem Tag mächtig nahe und beschlossen, solche Einkaufsbummel häufiger zu wiederholen…….

© Christiane Rühmann